Frauen in der Bierbranche: Der langsame Weg zurück zur Normalität

Lotti Hauck beim Zapfen eines Bieres.

Schon um 3000 v. Chr. soll Bier in China, Mesopotamien, bei den Wikingern oder den Ägyptern gebraut worden sein – und wo Bier entstand, hatten Frauen die Hände im Spiel. Denn das Brauen zählte damals genauso selbstverständlich wie das Brotbacken zu den Arbeiten des Haushalts – und das blieb über lange Zeit Frauensache.

Eine, die die Braukunst massgeblich beeinflusste, war Hildegard von Bingen. Die Benediktinerin aus dem 12. Jahrhundert erkannte als Erste die konservierende Wirkung des Hopfens und attestierte dem Bier sogar heilende Kräfte. «Das Bier macht das Fleisch des Menschen fett und gibt seinem Antlitz eine schöne Farbe durch die Kraft und den guten Saft des Getreides», schrieb sie damals in «Causa et Cura» – ein Satz, den Bierliebhaber:innen bis heute gerne zitieren.

Fotos von zwei weiblich gelesenen Händen mit zwei Bierdosen in der Hand.
Zu den Ursprungszeiten des Biers waren fast immer weibliche Hände im Spiel.

Bis ins 16. Jahrhundert war Bierbrauen – abgesehen von den männlich geprägten Klöstern – weitgehend Frauensache. Gelang ein Sud besonders gut, wurden die Nachbarinnen zum «Bierkränzchen» geladen. Dazu war gerade für Witwen oder Unverheiratete die Arbeit als Schankwirtin eine Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen. Doch mit der Zeit änderte sich das: Weil Brauen auch immer ein Brandrisiko bedeutete, wurden die Braurechte zunehmend an professionelle Betriebe vergeben. Die Männer übernahmen das Handwerk, während Frauen langsam aus der Branche verdrängt wurden.

 

Frauen mit Bier war noch bis vor 10 Jahren nicht Normalität

Die Frauen blieben dem Bier aber nicht ganz abgeneigt, trafen sich doch regelmässig zu den erwähnten Bierkränzchen. Später, als Tee und Kaffee einfacher zu kaufen waren, wich das Bier dem Kaffeekränzchen, das flüssige Gold wanderte hingegen in die «Beiz» und damit an den Männer-Stammtisch.

Die Nachkriegszeit zementierte das klassische Rollenbild: Werbung richtete sich an Männer, Bier wurde als Getränk für den hart arbeitenden Familienvater inszeniert. Frauen kamen in den Werbespots höchstens als Serviererinnen vor. Noch in den 2000ern war es ungewöhnlich, eine Frau mit Bierflasche in der Hand zu sehen. Und auch vor etwa 10 Jahren war es noch nicht Usus. Die Pendler-Gratiszeitung «20 Minuten» schrieb damals in einem grossen Artikel, dass eine Frau mit Bier in der Hand eher an Bauarbeiter erinnere.

Seoul Brauerei Südkorea
Noch heute sind vor und in Brauereien oft Männer zu sehen. So wie hier vor der Seoul Brauerei in Südkorea.

Doch das ändert sich heute glücklicherweise immer mehr. Frauen holen sich das Bier zurück – wenn auch nur langsam. Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2017 tranken 22 Prozent der befragten Frauen und 56 Prozent der befragten Männer mindestens einmal pro Woche Bier.

Lotti Hauck ist die erste Schweizer Bierbrauerin

Immer mehr Frauen lassen sich in der Schweiz zudem heute zur Brauerin oder Biersommelière ausbilden. Als erste Schweizer Brauerin überhaupt gilt übrigens Lotti Hauck (früher Lüpold).  «Du spinnst», sagte ihr Vater kopfschüttelnd, als sie mit 16 verkündete, Bierbrauerin werden zu wollen. Drei Jahre später schloss sie als erste Frau des Landes ihre Lehre ab – eine Sensation. Die «Badener Zeitung» zeigte sich damals «angenehm überrascht», dass keine «vierschrötige Oktoberfestdame» die männerdominierte Brauereiwelt betrat: «Lotti Lüpold ist hübsch und von ausgesprochen zierlicher Postur», hiess es begeistert nach einem Besuch in der Badener Müller Bräu.

Lotti Hauck im Bierkeller
«Am besten schmeckt das Bier morgens um halb neun», erzählt Lotti Hauck 2024 der NZZ.

Heute sind gerade Diskussionen über das Aussehen der Brauerinnen glücklicherweise überflüssig. Und: Frauen in der Bierwelt werden immer mehr zur Normalität – am Zapfhahn, in den Sudhäusern und an den Stammtischen. Und das ist erst der Anfang einer längst überfälligen Normalität. Prost und allen Frauen* einen tollen 8. März.