Selten wurde meine Freude am Essen so stark gekitzelt, wie in Japan. Vom einfachen Fast-Food-Laden bis hin zu den besten Michelin-Sterne-Restaurants bekommt man in Japan alles – und ganz vieles ist wirklich, wirklich gut. Und ganz vieles wird von Bier begleitet. Ob zum Mittag- oder auch zum Abendessen: Das Bier gehört in Japan – natürlich nebst Wasser und dem weltweit bekannten Sake – zur häufigsten Getränkebegleitung. Das unangefochten beliebteste Bier ist dabei das Asahi Super Dry, gefolgt von anderen japanischen Schwergewichten wie Kirin oder Sapporo. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass auch die japanische Craft-Beer-Kultur stark im Aufschwung ist. 805 aktive Brauereien zählte Japan Ende 2023. Das mag mit Blick auf die Bierkultur in der Schweiz (1170; Ende 2022) nicht gerade viel sein, aber: Die Wachstumskurve zeigt stark nach oben. Neun Jahre zuvor waren es – je nach Quelle – noch über 200 weniger. Klar ist für uns: Viele dieser japanischen (Craft-)Biere haben es in sich!
Während einer fast vierwöchigen Reise von Tokyo bis in den Süden der Insel Kyūshū haben wir zwar womöglich nicht die besten, aber ziemlich viele Brauereien bzw. deren Taprooms besucht – und nun pro Stadt das jeweils für uns aufregendste Lokal für dich ausgewählt.
Tokyo – Øl by Oslo Brewing
Puh! Sich in der grössten Stadt der Welt zurechtfinden ist (vor allem beim ersten Besuch) nicht gerade einfach – ob bei der Wahl der Unterkunft, der Aktivitäten, der Restaurants – oder eben auch bei der Wahl der Craft-Beer-Spots. Wir selbst haben bei unserem Besuch viele verschiedene Locations auf unsere Liste gesetzt – und trotzdem haben wir immer noch das Gefühl, nicht alles rausgeholt zu haben. In allen Stadtteilen gibt es nicht nur unfassbar gutes Essen und unglaublich viel zu tun und zu sehen, sondern eben auch viele tolle Bars, um gutes Bier zu entdecken. Alles abklappern? Schlichtweg unmöglich! Woran aber wohl jede:r Tourist:in vorbeikommt, ist das Viertel Shibuya. Und dort liegt Øl by Oslo Brewing. Oslo?! Klar, es ist schon etwas gar schade, dass wir hier nicht auf etwas japanisches Lokal verweisen können oder wollen. Aber: Der Taproom der norwegischen Brauerei ist schlichtweg zu gut. Hier gibt’s nicht nur exzellente Biere aus der norwegischen Hauptstadt, sondern auch einige feine Tropfen aus Japans Craft-Beer-Welt. Wir haben uns für ein Weizenbier entschieden, gebraut mit Sake Kasu (den Blättern aus der Sakeproduktion) und für die Schwedisch-Norwegische Co-Produktion «Kveik Culture» – ein Mango Sour mit Vanille der Brauereien Lervig und Brewski.
Das Lokal ist eine gute Möglichkeit, um auch mal den ganzen Touri-Attraktionen rund um Shibuya zu entfliehen und definitiv ein Besuch wert – auch, wenn es in der Stadt unzählige weitere tolle Spots zu sehen gibt.

Yokohama – Libushi Bashamichi
Ein Aufenthalt in Yokohama ist ehrlich gesagt kein Muss. Wir haben uns trotzdem dafür entschieden – um mal aus Tokyo rauszukommen, um das Cup-Noodle-Museum zu besuchen und natürlich um Biere zu probieren. Diesbezüglich kamen wir dort durchaus auf unsere Kosten. Im Umkreis von wenigen hundert Metern findest du gleich drei Brauereien, die das Herz eines jeden Bierfans höherschlagen lassen: Yokohama Beer, Baird Brewing und Libushi Bashamichi. Während uns die ersten beiden weniger in der Auswahl, dafür etwas mehr im Service enttäuschten, überzeugte uns das letztgenannte, das Libushi Bashamichi, in allen Belangen. Gelegen in einem schönen, alten grossen Backsteingebäude (wohl eine alte Fabrik) wird wirklich gutes Bier gebraut und ausgeschenkt. Etwas schade ist, dass die Brauerei selbst etwas weniger der eigenen Kreationen und dafür mehr andere ausschenkt, obwohl die hauseigenen Kreationen wie «Fresh Leaf Saison» wirklich gut sind. Bezüglich meiner Servicekritik: Wenn du Zeit hast, schau doch bei den anderen Orten trotzdem vorbei. Es ist bekanntlich immer möglich, dass jemand einen schlechten Tag erwischt. Die beiden Lokale dienten als After-Work-Drink-Spot oder auch als Treffpunkt nach dem Baseballspiel der Yokohama Baystars und bietet so eine Möglichkeit, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen.

Kanazawa – Craft Beer Dive Futas
Die Bierauswahl im «Craft Beer Dive Futas» ist nicht die grösste – aber doch so gross, dass man leicht beschwipst hinaustorkelt, wenn man alle aktuellen Biere probieren will. Beschwipst sind übrigens schnell auch andere einheimische Besucher, die es sich dort meist nach Feierabend gemütlich machen. Gerade nach der häufig doch sehr anonymen Grossstadt Tokyo ist Kanazawa an sich und vor allem das «Craft Beer Dive Futas» eine sehr willkommene Abwechslung. Schnell kommt man mit der ebenfalls Craft-Beer-affinen Bevölkerung – die übrigens (zumindest in Kanazawa) häufig auch weiblich ist – ins Gespräch. Dazu gibt es eine der die Bar führt, eine tolle kleine Snackauswahl und durchaus auch faire Preise.
In der Bar haben wir zudem auch gleich einen Hinweis auf eine Eröffnung eines neuen Taprooms wenige Strassen weiter erhalten: dem «Brew Classic». Dort haben wir natürlich tags drauf vorbeigeschaut und kamen sogleich mit der lokalen Bauernschaft ins Gespräch. Wobei das doch etwas übertrieben ist: Wir durften uns Fotos ihrer im letzten Jahr gesammelten Pilze ansehen und dabei viel lachen. Verbal haben wir uns zwar nicht verstanden, aber irgendwie war trotzdem klar, worum es geht – und schön war es!

Kyoto – Beer Cafe Bakujun
Ganz ehrlich: Das Kyoto Beer Lab hat eigentlich alles, was das Herz des Craft-Beer-Fans so begehrt. Cooler Merch, tolle Snacks, nette Angestellte – und vor allem sensationelles Bier. Vom Wasabi Gose über das Roasted Tea Stout bis zum Blueberry Cheesecake Sour – hier findest alle möglichen, wirklich aufregenden Bierkreationen. Was nicht überrascht: Wir treffen hier auch auf einige nervige, amerikanische Touristen. Der Besuch ist ihnen nicht zu verübeln, denn wer nach Kyoto fährt, und sich für Craft Beer aus Japan interessiert, stösst als erstes gleich auf das Kyoto Beer Lab. Wir haben uns deshalb als Lieblingsspot in Kyoto für eine Bierbar entschieden, die etwas mehr unter dem Radar fliegt: das «Beer Cafe Bakujun». Der Besitzer der Bar mag zwar zu Beginn etwas grumpy wirken, öffnet sich aber mit der Zeit, wenn man ihm ein freundliches Lächeln schenkt. Und dann ist er durchaus auch auskunftsfreudig, wenns um seine Bierauswahl geht. Und diese ist sensationell! Von lokalen Craft Bieren on Tap bis zu weltweit bekannten Bieren wie das L’Abbaye de Saint Bon-Chien der Schweizer Brauerei BFM oder Biere der Abtei Westvleteren findest du hier alles. Dazu hat er coole Snacks und Plättli, die er gleich selbst zubereitet (und ungeniert auch selbst etwas davon nascht). Cooler Ort!

Hiroshima – Our Store
Wir haben lange überlegt, ob wir überhaupt nach Hiroshima reisen wollen. Ist da alles voller Ami-Tourist:innen? Ist die Stadt sowieso vor allem touristisch und sonst eher ein bisschen «meeeeh»? Und wie siehts eigentlich mit Bier aus? Spoiler: Wir sind hingefahren. Und wir bereuen nichts. Auch, weil wir spontan noch ein Fussballspiel einbauen konnten – und auch, weil wir «Our Store» gefunden haben.
Von vorne: Nach dem Lesen einiger Bewertungen wurden wir bei der «Hiroshima Neighborly Brewing» vorstellig. Dort durften wir zwar spannende Kreationen wie etwa ein «Nicaragua Coffee Stout» oder ein Bier mit Zwiebeln (ja, wtf?!) probieren – so richtig umgehauen hat uns das ganze aber nicht. Anders im «Our Store». Für die lokale Bevölkerung offenbar der Ort schlechthin für das Feierabendbier. Es hat zwar ein paar wenige Biere «on tap», doch vor allem überzeugen die Kühlschränke mit einer wirklich tollen Auswahl. Wie auch an vielen anderen Orten viele tolle Snacks. Was hier sehr heraussticht ist die tolle Auswahl an Merch, an der wir uns natürlich gleich bedienten. Wer in Hiroshima Bier trinken will, der tut das bitte genau hier. Weil gut.

Fukuoka – STANDard Shop
Vor unserer Überfahrt nach Südkorea (hier mehr zu deren Bierkultur) machten wir in der Küstenstadt Fukuoka halt. Eine Stadt, bekannt für ihre sogenannten Yatai-Imbisstände – und vielleicht auch ein kleines bisschen für ihre Bierkultur? Wir finden zumindest, dass es so sein sollte. Mit dem «Stand Umineko Yoca», gleich zwei Bars von «Fukuoka Craft Brewing» oder der Ohori Brewery, haben wir uns durch das durchaus durch das Biersortiment der Hafenstadt probiert. So wirklich überzeugte uns aber ein Lokal, das eigentlich keine richtige Craft-Beer-Bar ist.
Auf dem Heimweg vom japanisch-mexikanischen Bier-Bar bzw. Restaurant liefen wir zufällig – fast zufällig – danke Untappd an dieser Stelle – dem «STANDard Shop» über den Weg. Wir wollten dort auf einen kurzen Absacker vorbeischauen – und verliessen das Lokal nach deutlich mehr als einer Stunde und leicht angetrunken wieder. Schuld daran: Das Konzept und das Inhaber-Paar. Denn Motohiro und Kaho sind die beiden wohl lustigsten Menschen, die wir auf unserer Reise quer durch Japan angetroffen haben. Hinter ihrem Tresen warten mehrere Zapfhähne, aus welchen nicht nur eine tolle Auswahl an lokalem Bier fliesst, sondern auch selbst gemixte Cocktails und gar lokal produzierter Sake. Definitiv ein Besuch wert – auch, weil die beiden einen tollen Musikgeschmack haben.

Pro Tip: Wer sich für Craft Sake aus Japan interessiert, der ist nicht nur im Standard Shop, sondern auch bei «Librom» bestens aufgehoben. Dies ist eine der wenigen echten Craft-Sake-Brauereien Japans. Es gleichzeitig auch eine Bar, mit tollem Gastgeber, leckerem Essen und vor allem: richtig spannendem Sake.
Interesse an anderen Bier-Reiseführern? Hier findest du unsere Guides zu Seoul, Ghana oder Albanien. Viel Spass!
