Es ist der etwas weniger glamouröse Teil der Millionenmetropole Hongkong: der Süden von Hong Kong Island. Hochhäuser stehen dicht an dicht, vollgepackt mit Wohnungen, Büros, Werkstätten, Lagerhallen – und eben auch Brauereien. Weil bezahlbarer Raum in der Sonderverwaltungszone ohnehin knapp ist und man sich die Lage in den glänzenderen Vierteln schlicht nicht leisten kann, hat sich auch die Brauerei Black Kite in einem 22-stöckigen Gebäude eingemietet, nur einen Steinwurf von der MTR-Station Wong Chuk Hang entfernt.
Soll hier wirklich eine Craft-Bier-Brauerei versteckt sein? Etwas skeptisch steigen wir in den alten, ziemlich in die Jahre gekommenen Lift (hier muss man die beiden Schiebetüren noch selbst schliessen) und ruckeln hinauf in den 11. Stock. Kaum steigen wir aus, wird klar: Ja, hier wird Bier gebraut – man riecht und hört es. Die Luft ist vom Malz getränkt, irgendwo dröhnt eine Pumpe. Wir treffen auf Lidia, die Head Brewer der Black Kite Brewery, die gerade einen der grossen Tanks kontrolliert. Sie dreht sich zu uns um, lächelt breit, steigt von der Leiter und gibt uns einen festen Händedruck.
Warum genau ist schwer zu sagen, aber Lidia strahlt eine «badass energy» aus. Die Mischung aus Professionalität, offensichtlicher Leidenschaft und ihren beiläufigen Spässchen – dazu die silberne Halskette und die volltätowierten Arme, während sie zwischendurch ganz selbstverständlich ihre Tanks überprüft – das beeindruckt.
Arbeit auf kleinstem Raum
Beeindruckend ist auch der Betrieb selbst. Der Platz ist knapp, hoch über der Strasse. Gebraut wird auf einem 10-HL-System, zwei- bis dreimal die Woche, und für jeden Quadratzentimeter wurde Verwendung gefunden. «Eines der Dinge, die ich an Black Kite liebe, ist, wie durchdacht hier alles ist», sagt Lidia, die erst seit wenigen Monaten als Head Brewer bei Black Kite arbeitet. «Früher habe ich mit viel grösseren Anlagen gearbeitet und es ist spannend, diese Erfahrung hier kreativ einzubringen. Wir arbeiten zwar auf engem Raum, aber genau das sorgt dafür, dass jeder Sud sehr bewusst entsteht.»
Investitionen in neue Tanks oder Equipment müssen in einer Stadt wie Hongkong immer sorgfältig berechnet werden – der Platz ist teuer und knapp. «Die Mieten hier sind horrend», sagt Lidia und lacht. «Aber genau das zwingt uns dazu, effizient und erfinderisch zu sein. Craft Beer in Hongkong spiegelt die Energie der Stadt wider – intensiv, hochwertig und voller Charakter.»
Dazu kommt ein neues Problem. «Unser Malz aus Belgien steckt irgendwo fest», sagt sie. Der Grund dafür: Lieferschwierigkeiten als Folge des Kriegs im Iran. Nun muss sie auf Alternativen aus China oder Australien ausweichen. «Das wird interessant. Wir wissen nicht, wann das neue Malz ankommt und wie es den Geschmack unserer Biere beeinflussen wird.»

Unterstützung von Frauen und non-binären Personen
Eine weitere Herausforderung ist ihre Rolle als Frau in einer nach wie vor männlich geprägten Bierbranche. «Es gibt viel zu wenige Frauen und non-binäre Personen in der Szene», sagt sie. Deshalb ist sie Teil der Pink Boots Society, einer internationalen Non-Profit-Organisation, die Frauen und non-binäre Personen in der Getränkeindustrie durch Weiterbildung, Networking und Stipendien unterstützt.
Für ihr erstes Projekt mit der Pink Boots Society als Head Brewer bei Black Kite braut sie im April 2026 ein Hazy IPA und lädt Frauen und non-binäre Personen aus der Branche ein, am Brautag teilzunehmen. Das Bier ist bewusst «easy to drink» gehalten. Mit einer grosszügigen Menge Hafer- und Weizenflocken soll es vollmundiger werden, als man es von einem 4%-Hazy-IPA erwarten würde. Zum Einsatz kommt dafür eine eigene Pink Boots Hopfenmischung. Ein Teil der Einnahmen daraus fliesst in Programme, die Frauen und non-binäre Personen beim Einstieg in die Branche unterstützen.
Neben Kollaborationen mit anderen Brauereien bietet Black Kite eine eigene, breite Auswahl an Bieren an. Vom klassischen Lager über ein Black IPA bis hin zu verschiedenen Cidern ist für jeden Geschmack etwas dabei. «Das Lager ist unser Bestseller», erklärt Lidia, «und auch die Cider sind beliebt. Viele in Hongkong mögen ihr Bier eher süss und stehen weniger auf Bitteres.»
Unser Favorit im Tasting ist das «Easy Glider Pale Ale» – mit Noten von Mandarinenschale und Zitrone und dem Nachgeschmack von Tannennadeln. Auch das Black IPA ist ein Highlight. Lidia reagiert auf jedes «Grossartig», «Sehr guter Geschmack» und «So gut!» mit einem Lächeln – man merkt, dass sie ihre Arbeit gerne macht.

Ein Anfang durch Zufall
Lidia stammt aus dem sibirischen Teil Russlands und hatte, wie sie selbst sagt, lange kaum Kontakt zu «dem, was sonst noch da draussen war». Mit 24 Jahren, mitten in einem Uni-Projekt über Wein aus lokalen Beeren, reist sie nach China. In Shenzhen, nahe der Grenze zu Hongkong, landet sie in der Bionic Brew Co., probiert dort ihr erstes Craft Beer. Von der Vielfalt der Aromen überrascht und überwältigt, glaubt sie zunächst nicht einmal, dass es wirklich Bier ist. Sie teilt ihre Begeisterung mit dem Besitzer der Bar, der zufälligerweise auf der Suche nach neuem Personal ist. Die Frage «Kannst du dieses Fass zur Tür tragen?» wird praktisch zu ihrem Vorstellungsgespräch.
Bionic Brew Co. öffnet ihr die Tür in eine völlig neue Welt. Sie taucht in die Craft-Beer-Szene ein, lernt den Brauprozess kennen und trifft Menschen aus der Branche. Das Wein-Projekt der Uni? Schnell vergessen. Von Shenzhen geht ihr Weg weiter zur Hong Kong Beer Co., danach nach Bali, wo sie zusammen mit Freunden Salt Bone Brewing gründet – ein kleines Contract-Brewing-Projekt. Das Geschäft hält nicht ewig, gibt ihr aber praktische Erfahrung in Rezeptentwicklung, Produktionsplanung und den weniger glamourösen Seiten der Bierindustrie. Nach einer Reisezeit durch Asien und einem Neustart in Russland während der Covid-Jahre kehrt sie nach Hongkong zurück und arbeitet bei Carbon Brews als Brauerin, bis die Brauerei ihre Tore schliesst.
Heute arbeitet sie bei Black Kite in einem kleinen, dreiköpfigen Frauenteam. «Wir führen diesen Betrieb mit viel Herz und beweisen jeden Tag, dass Bier kein Geschlecht kennt, sondern nur Leidenschaft.» Die kleine Anlage erlaubt Flexibilität und lässt Raum für Experimente – von Black IPA und DDH IPA bis hin zu Peanut Butter Milkshake IPA oder verschiedenen Sours. Das Team setzt traditionelle Stile sauber um, sucht aber immer nach einem kreativen Twist, sei dies beim Hopfen, der Frucht oder der Textur.

Das Beste kommt zum Schluss
Seit über zehn Jahren ist Lidia nun unterwegs von Sibirien über China bis nach Hongkong. Etwa einmal im Jahr reist sie zurück nach Hause, um ihre Familie zu besuchen. In Hongkong lebt sie auf Lantau Island, was täglich einen über einstündigen Arbeitsweg in den Süden der Insel bedeutet. Wenn sie aber mit leuchtenden Augen über ihr Zuhause und die Umgebung spricht, wird schnell klar, dass sich das für sie lohnt.
Das gleiche Leuchten in ihren Augen kommt zurück, wenn man Lidia nach ihrem Lieblingsmoment des Tages fragt. Sie lacht und sagt: «Meine Arbeitstage machen Spass, aber ehrlich gesagt: Wenn wir am Ende eines langen Tages alle zusammen sitzen und unser eigenes Bier trinken, macht mich das sehr glücklich.»



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